1. Berliner Weisse Gipfel

Die Lust auf Sauer steigt – der "Gipfel“ brachte Fans und Brauer zusammen

Der Berliner Weisse Lineup auf dem Gipfel

Es ist schon kurios, dass es in den USA mehr Berliner-Weiße-Marken gibt, als in Deutschland. Im Mutterland des Craft-Biers haben einige Craft-Brauer den deutschen Sauerbierstil für sich entdeckt und entwickeln intensive Kreationen, welche immer mehr Fans gewinnen. In Berlin hingegen wäre sie fast ausgestorben, wenn nicht einzelne Brauer wie Michael Schwab von Brewbaker oder Andreas Bogk von Bogk Bier diese lokale Spezialität neu aufgelegt hätten. Und zwar nach altem Vorbild: Mit Milchsäuregärung und Brettanomyces-Fermentation. So kommen auch die Deutschen wieder in den Genuss des fruchtig-spritzigen Berliner Originals.

Um diesen historischen Bierstil wieder in aller Munde zu bringen, rief die Berlin Beer Academy Mitte Februar zum „1. Berliner Weiße Gipfel“ in ihren Seminar- und Showroom im Herzen der Hauptstadt. Dem Aufruf folgte die maximale Teilnehmeranzahl von 25 Berliner-Weiße-Anhängern: „Die große Resonanz zeigt doch am allerbesten, dass dieser Bierstil weit davon entfernt ist, auszusterben“, so Akademieleiterin Sylvia Kopp während der Begrüßung.

Intensive Diskussion ueber die Berliner Weisse Geschichte

Die Brauer Michael Schwab von Brewbaker, Andreas Bogk von Bogk Bier, Matthias Richter vom Bayerischen Bahnhof in Leipzig, Seth Wood von Woodfour Brewing aus dem kalifornischen Sebastopol und Kurt Marschall von der Versuchs- und Lehranstalt für Brauereien in Berlin (VLB) stellten die eigenen Kreationen vor und erzählten von ihren Brautechniken. Überdies hatte Fritz Wülfing von Ale-Mania seine „Bonner Weiße“ zum Gipfel geschickt, eine deutlich gehopfte Variante nach amerikanischem Vorbild. Andreas Bogk sowie Teilnehmer Manfred Staruß kredenzten zum Höhepunkt des Abends einige historische Flaschen. Und Teilnehmer .... Weidner gab Einblicke in seine beeindruckende Etikettensammlung!

Alle waren sich einig, dass die Herausforderung der Berliner Weiße vor allem in der komplexen Fermentation liegt: wann wird mit Milchsäurebakterien gesäuert, wann, wenn überhaupt, kommen Brettanomyces (Wildhefestämme) ins Spiel. So geben Bogk und Schwab nach der Hauptgärung Milchsäurebakterien und Brettanomyces gleichzeitig in den Gärtank und erreichen damit eine samtige Säure und vielschichtige Fruchtigkeit. Richter säuert nur mit Milchsäurebakterien – seine Weiße fällt angenehm sauer, gradlinig und spritzig aus. Marshall säuert im Kessel und gibt Brettanomyces in die Flaschengärung – was für ein komplexes von Frucht und Gewürzen geprägtes Geschmackserlebnis sorgt. Seth Wood offerierte eine Weiße, die nur mit Brettanomyces fermentiert war und deutliche Zitrusaromen aufwies, die an kalifornische Orangen erinnerten.

Kein Wunder also, dass die Motivation,, diesen Bierstil zu brauen, nach Aussagen der Brauer darin liegt, einen Geschmack zu prägen, der weit über das hinaus geht, was man allgemein hin unter Bier versteht, und damit das Spektrum der Biervielfalt zu erweitern.

Die historischen Weißen „Schankbier Berliner Weisse Export, VEB Getränkekombinat Berlin Schultheiss Brauerei“, aus dem Jahre 1989, und „Groterjan Berliner Weisse, Abteilung Malzbierbrauerei Groterjan der Schultheiss-Brauerei“, von 1971 aus dem Raritäten-Keller von Bogk boten ein besonderes Geschmackserlebnis. „Erstaunlich wie sich die Groterjan-Weiße entwickelt hat“, so Kopp. Sie zeige deutliche Sherry-Noten, die die Säure abrunden und klinge mit lederartigen Aromen aus. Die 1989-Weiße erwies sich hingegen als deutlich saurer und kantiger, unterstützt durch eine pfeffrige Schärfe. Auch die „Schultheiss Original Berliner Weisse“ aus dem Jahr 2004 von Manfred Staruß zeigte pikante Momente.

Unter den Gästen waren neben Berliner-Weiße-Fans auch weitere Brauer wie Jürgen Solkowski von der Potsdamer Meierei, der seine Berliner Weiße erst zum Sommer herausbringt, und Oliver Lemke vom Brauhaus Lemke, der an neuen Bieren arbeitet. „Der Berliner Weiße Gipfel kam wie gerufen, zum einen hat er uns unsere Sicht der Dinge bestätigt, zum anderen war es sehr hilfreich sich mit Brauerkollegen auszutauschen und die Meinung weiterer Bierexperten zu erfahren. Eine rundherum gelungene Veranstaltung, die auch bezüglich weiterer bierrelevanter Themen nach Fortsetzung ruft,“ so Oliver Lemke vom Brauhaus Lemke aus Berlin. Sein Team wird in diesem Jahr Berliner Weiße „nicht nur als Schankbier sondern auch als Vollbier (Doppelweiße), Champagnerweiße und in weiteren Variationen“ lancieren.

Der Berliner Weisse Lineup auf dem Gipfel

Seth Wood, der zusammen mit Bierakademie-Mitbegründer Olav Vier Strawe die Brauerei Woodfour in Kalifornien betreibt, hatte großen Gefallen an der Veranstaltung und empfand es als „unglaublich spannend und inspirierend“, sich in der Mutterstadt der Berliner Weiße mit anderen Brauern über die Herstellungsweise des historischen Stils auszutauschen. „Ich habe auf dem Berliner-Weiße-Gipfel viel gelernt, Einblicke in andere Brauarten bekommen und nebenher fantastische Berliner Weiße unterschiedlichster Stilrichtungen probiert. Ich denke, dass die Berliner Weiße in Deutschland und vor allem in seiner Geburtsstadt Berlin eine große Zukunft hat und freue mich schon auf das nächste Mal“, so Wood.

Viele interessierte Fragen, lebendige Diskussion und Wertschätzung für die guten Tropfen prägten den „1. Berliner Weiße Gipfel“ – und es wird nicht der letzte sein: „Wir wissen bereits heute, dass weitere deutsche Brauer Berliner Weiße in der Pipeline haben. Die Lust auf Sauer steigt“, so Sylvia Kopp, „wir bleiben dran und werden mit unseren Veranstaltungen und Tastings dafür sorgen, dass dieser spannende Sauerbierstil auch beim Genießer ankommt.“ Unter all den positiven Vorzeichen habe die Berliner Weiße das Zeug, 2014 auch in Deutschland zum heißesten Trend zu avancieren.